„Virtuelles“ Chorsingen in Corona-Zeiten – wie funktioniert das eigentlich?

Zu Weihnachten und Ostern hat das Vokalensemble bereits Chorstücke „virtuell“ aufgenommen. Das war zunächst ein reines Experiment, das aber in allen Fällen so gut funktioniert hat, dass die Ergebnisse dann auch in den Gottesdiensten eingespielt wurden. Aber wie kann ein Chor eigentlich ein Stück aufnehmen, ohne dass sich die Sängerinnen und Sänger dabei begegnen? Denn gemeinsames Singen ist leider nach wie vor in Präsenz nicht möglich. Daher möchte ich einen kleinen technischen Einblick in diese auch für mich neue Methode geben.

Zunächst werden zu dem jeweiligen Stück Playbacks produziert. Hierfür werden alle Begleit- und Gesangsstimmen nacheinander instrumental aufgenommen: Cembalo/Klavier, Cello/Bass, Schlagzeug und alle einzelnen Gesangsstimmen. Hierfür bediene ich mich elektronisch simulierter Sounds (Tasteninstrumente, Streicher, Blockflöten) aus einem Synthesizer. In der Musikproduktions-Software kann man am Computer diese Einzelstimmen dann sowohl gemeinsam als auch einzeln abspielen und in jeder Konstellation als Musikdatei exportieren. Jedes Chormitglied bekommt nun sowohl ein Gesamt-Playback mit allen Stimmen als auch ein Playback seiner Einzelstimme mit Begleitung. Zu Beginn des Playbacks wird noch eine Tonangabe und manchmal ein Metronom eingefügt, damit die Sängerinnen und Sänger den richtigen Ton und das Tempo direkt finden.

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Die Chormitglieder können nun, während sie das Playback mit dem Kopfhörer hören, ihre Gesangsstimme dazu für sich alleine aufnehmen. Die meisten tun dies mit dem Smartphone, manche haben auch ein Gesangsmikrofon zu Hause. Oft sind mehrere Takes nötig. Teilweise werden unterschiedliche Strophen eines Stückes auch einzeln aufgenommen. Das ist für die Sängerinnen und Sänger viel Arbeit, aber macht auch Spaß.

Wenn ich diese Einzelspuren dann erhalte, beginnt der Hauptteil meiner Arbeit: Die Spuren werden in das entsprechende Projekt in der Musikproduktions-Software eingefügt. Zunächst müssen nun alle Fremd- und Störgeräusche aus den Einzelaufnahmen herausgeschnitten werden (knarrende Fußböden und andere Hintergrundgeräusche, zu laute oder mit den anderen Stimmen nicht synchrone Atmer und Konsonanten usw.). Danach werden die Spuren zeitlich miteinander synchronisiert und mit unterschiedlichen Effekten klanglich aneinander angeglichen. Denn da die Spuren alle unter verschiedenen Aufnahmesituationen entstehen (vor allem unterschiedliche Abstände zum Mikrofon und verschieden große Räume, in denen aufgenommen wird), würden sie sonst keinen homogenen Gesamtklang ergeben. Anschließend werden die Lautstärken der Gesangsspuren sowohl miteinander als auch mit den Playback-Spuren abgestimmt (das sind schnell insgesamt 15 und mehr Spuren). Zu guter Letzt wird der Gesamtklang einem „Mastering“ unterzogen: Die Gesamtlautstärke und der Klang werden hierbei so optimiert, dass das Musikstück auf möglichst allen Musikanlagen/Handys etc. abgespielt werden kann und gut klingt. Nun wird alles in eine Musikdatei exportiert und kann überall angehört werden.

Es ist schön, dass wir auf diese Weise, auch wenn es für alle Beteiligten viel Arbeit ist, unter den momentanen Beschränkungen neue Musik gemeinsam erlernen können. Und es entsteht am Ende ein gutes musikalisches Klangergebnis. Die nächsten virtuellen Chorstücke der Chöre sind schon in Planung.

Daniel Plöhn